Eine lebende Bibliothek? Was kann man sich denn darunter vorstellen? Sicher, einige behaupten, dass sie Menschen lesen können wie Bücher – aber das als eine Bibliothek zu bezeichnen? Nun ja, wir, die 10. Jahrgangsstufe am Jack-Steinberger-Gymnasium, durften am Donnerstag, den 15.01.2026, Menschen „lesen“. Und dies nicht nur im metaphorischen Sinne. Am Projekttag „Lebende Bibliothek“ haben sich uns nämlich zehn besondere Menschen mit einzigartigen Lebensgeschichten zur Verfügung gestellt: unsere „Bücher“.

 2026 Lebende Bibliothek

In Kleingruppen konnten wir jeweils drei von uns zuvor ausgewählte „Bücher“ lesen. Dabei verliehen sich diese im Voraus selbst ihre Titel. Von „Soldatin“, „Behinderung durch Krankheit“, „Long COVID“, „Altbürgermeister“ und „Bürgermeister“ bis hin zu zwei Geflüchteten, einer „Zweifelnden Kirchenfrau“, inem Rollstuhlfahrer und „Behinderte Schwuchtel“ war alles mit dabei.
Besonders ansprechend war dieses Event, da die „Bücher“ uns gegenüber äußerst „offen“ waren und alle Fragen ausnahmslos beantwortet haben, selbst sehr persönliche. Vor allem dafür, aber natürlich auch generell für die Teilnahme an dem Projekt, möchten wir uns ganz herzlich bedanken.
Die Geschichten, die wir an diesem Tag zu hören bekamen, waren größtenteils sehr emotional und berührend. Weiter konnten wir Menschen ennenlernen, denen wir so vermutlich niemals begegnet wären.
Ein Beispiel für eine dieser Geschichten ist die von Oksana, welche als Mutter von drei Kindern bereits vor vier Jahren, etwa eine Woche nach Kriegsbeginn in der Ukraine, nach Bad Kissingen geflüchtet ist. Obwohl sie viele Freunde und Verwandte, beispielsweise ihre Schwester, zurücklassen musste, hat sie doch versucht, trotz aller Schwierigkeiten, wie der neuen Sprache und einem völligen Neuanfang, ein schönes Leben für sich und ihre Kinder aufzubauen. Auch wenn der Aufenthalt anfangs „nur für ein paar Wochen“ geplant war, ist sie doch immens dankbar für all die Unterstützung, die ihr eine Integration in Deutschland deutlich erleichtert hat.
Auf die Frage, ob sie nach Kriegsende in die Ukraine zurückkehren möchte, antwortet sie, dass sie dies am Anfang zwar geplant hatte, allerdings teilt sie uns auch Folgendes mit: „Für mich als Mama ist es wichtig, dass meine Kinder gut lernen“. Sie erklärt weiter, dass ihr jüngster Sohn erst in Deutschland eingeschult wurde, und sie sich nicht sicher ist, ob er in einer ukrainischen Schule zurechtkommen würde. Außerdem hätten ihre Kinder in ihren neuen Schulen Anschluss und Freunde gefunden, was sie ihnen nicht wieder wegnehmen möchte. Auch ihr Beruf als Grundschullehrerin, welchen sie seit zwei Jahren unter anderem mit deutschen Kindern ausübt, verankert sie in Bad Kissingen. Darum habe sie sich letztendlich dazu entschlossen, auch nach Kriegsende hierzubleiben. Der temporäre Schutz in Deutschland, unter dem sie allerdings nur bis zum Ende des Krieges stehen, könnte dies jedoch deutlich erschweren.
Dass die Bücher uns aber tatsächlich einen sehr persönlichen Einblick geben wollten, zeigte sich besonders, als Oksana die Frage beantwortete, wie es ihr geht, wenn sie Bilder vom Krieg sieht. Sie berichtet, dass sie in den ersten Wochen immer am Handy war, nichts verpassen wollte. „Ich war immer in diesem Krieg“, meint sie. Letztes Jahr bemerkte sie schließlich, dass es sich anfühlte, als wäre ihr Leben „auf Pause“. Sie teilt uns mit, wie sie das Gefühl hatte, nie wirklich am Leben zu sein, und dass sie sich schuldig fühlte, ein Leben in Sicherheit zu leben, wo dies so vielen Menschen in der Ukraine, ihrer Familie und Freunden, nicht möglich war. Nach drei Jahren beschloss sie dann schließlich: „Ich muss noch leben.“ Jetzt tut sie Dinge für sich, geht Klamotten und Schmuck kaufen und kann ihr Leben in Bad Kissingen tatsächlich genießen, auch wenn es niemals wie in der Ukraine sein wird. An einigen Stellen ihres Berichts hatte Oksana sogar Tränen in den Augen, und wir sind dankbar, dass sie sich trotz allem dazu entschlossen hat, an der „Lebenden Bibliothek“ teilzunehmen und uns einen Einblick in ihre ganz persönliche Lebensgeschichte zu geben.
Obwohl zwei der ursprünglichen Teilnehmer, die „Zweifelnde Kirchenfrau“ und der „Behinderte Schwuchtel“ letztendlich leider verhindert waren, konnte zumindest für letzteren kurzfristig ein Ersatz gefunden werden. Felix änderte den Titel zwar zu lediglich „Schwul“, konnte aber zumindest nachvollziehen, weshalb der ursprüngliche Teilnehmer diesen absichtlich provokativ gewählt hat: Er hat für seinen Titel einen Ausdruck verwendet, mit dem er selbst häufig beschimpft wurde. Zunächst berichtet Felix, dass er schon relativ früh herausgefunden hat, dass er schwul ist. Glücklicherweise war es für ihn recht unkompliziert, seiner Familie davon zu erzählen, auch wenn es für seine Mutter doch zunächst ein großer Schock war. Weiter berichtet Felix, dass er selbst zum Glück niemals wirklich mit schweren Beschimpfungen konfrontiert wurde. Zwar wurde sein Freundeskreis kleiner, doch alles in Allem meint er, dass er recht milde davongekommen sei. Das Einzige, was für ihn schwierig war, ist, dass eine so private Angelegenheit wie die eigene Sexualität ganz schnell auch zum Alltag werden kann: als er wegen eines Studiums nach Wohngemeinschaften gesucht hat, war dies eines der ersten Dinge, die er
von sich erzählt hat. Als er nach seinem Lehramtsstudium jedoch zum Referendariat an eine katholische Mädchenschule geschickt wurde, lernte er nochmals eine ganz andere Seite kennen. Hier war es nämlich absolut „tabu“ für ihn, über seine Sexualität zu sprechen, auch wenn es sich für Felix seltsam anfühlte, ein „Geheimnis daraus zu machen“.
Besagte Soldatin, Isabell, 43 Jahre alt, hat sich schon immer für die Bundeswehr interessiert und entschied sich im Alter von 23 Jahren, sich dort zu bewerben. Zunächst arbeitete sie als Arzthelferin, heute als MFA, also Medizinische Fachangestellte, bekannt. Später wurde sie für Leopard-Panzer ausgebildet, wo sie sozusagen der Chef dieses Panzers wurde und alles leiten durfte. Sie war die erste Frau unter vielen Männern, große Diskriminierung erlebte sie jedoch wegen ihres Geschlechtes nicht. Früher gab es immer einen Dienstplan, das heißt es gab genaue Zeitangaben für bestimmte Aktivitäten, Pflichten et cetera. Seit 2014 arbeitet sie in Hammelburg, nachdem sie die Kaserne wechselte, und ist für die militärische Sicherheit verantwortlich. Ihr Alltag ist dabei größtenteils selbstbestimmt: sie darf zur Arbeit kommen, wann sie will, macht immer wieder Sport und bearbeitet E-Mails am Computer. Isabell gab uns einen kleinen Einblick ins militärische Leben, welches auch heutzutage häufig noch als für Frauen ungeeignet empfunden wird.
Der Lebensweg einer weiteren Isabell verlief hingegen weniger positiv. Ihr Titel lautete „Behinderung durch Krankheit“. Für einige war ihre Geschichte diejenige, die am bewegendsten war. Schon im jungen Alter von sechs Jahren hatte sie ständig Kopfschmerzen und musste sich immer wieder erbrechen. Die Ärzte hatten keinen Verdacht auf etwas Schlimmes und diagnostizierten Probleme in der Schule beziehungsweise Familie. Doch mit elf Jahren ereignete sich schließlich eine unerwartete Wendung: Eine Lähmung in Isabells linker Hand und Wange traten auf. Somit stellte sich nach weiteren Arztbesuchen letztendlich heraus, dass Isabell einen Gehirntumor hatte. Daher wurde sie jedes zweite Jahr in Schweinfurt operiert, insgesamt drei
Mal, und in Würzburg einmal bestrahlt, weswegen sie noch einen Tumor bekam. Obwohl dieser zwar mittlerweile nur noch inaktiv in ihrem Körper verbleibt, muss sie Hormone einnehmen, leidet unter Wassereinlagerungen in den Beinen, sieht Doppelbilder, hat keinen Geruchssinn mehr und ihr Sättigungssystem ist gestört, also hat sie immer Hunger. Doch diese ganzen körperlichen Einschränkungen hindern Isabell nicht daran, ein ganz normales Leben zu führen: Sie arbeitet in Maria-Bildhausen im Kunstgewerbe, wohnt alleine in einer Wohnung und versucht, ihre Krankheit möglichst zu verdrängen. Wichtig ist auch die Unterstützung durch ihre Familie. Auf jeden Fall zeigte sie uns, wie klein unsere „schlimmen alltäglichen Probleme“ in
Wirklichkeit sind und dass wir immer dankbar sein sollten. 
Insgesamt war die Lebende Bibliothek ein abwechslungsreiches und besonderes, bereicherndes Erlebnis, das uns ermöglichte, mit Menschen zu sprechen, mit denen man nicht oft oder gar nicht in Kontakt kommt. Somit konnten wir eine neue Perspektive auf Personen und Themen werfen, welche normalerweise mit Vorurteilen behaftet sind. Wir hoffen, dass diese Veranstaltung auch für zukünftige Klassen stattfinden kann, damit diese, genauso wie wir, ihren Horizont erweitern können.