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Personifizierte Kirche zum Anfassen im JSG

Klasse 8c, d löchert Diakon Norbert Becker

Dass Kirche momentan angefragter ist als in den letzten Jahrzehnten ist auf Grund der jüngsten Skandale selbstverständlich. Gerade in solch einer Situation ist es für Schüler wichtig, eine fundierte Position zu den Geschehnissen einzunehmen. Andererseits aber ist es auch für die Kirche wichtig, sich der von Jugendlichen und der Gesellschaft entgegengebrachten Kritik zu stellen. Diakon Norbert Becker tat dies am vergangenen Dienstag im katholischen Religionsunterricht der Klasse 8c,d.

„Jetzt, drei Wochen vor meiner Priesterweihe, muss ich zu 100 Prozent hinter meiner Entscheidung stehen. Es kann sein, dass es später Tage gibt, an denen ich das bereue. Aber ich vertraue darauf, dass es gut geht und ich kenne viele, auch ältere Priester, die mir gesagt haben, dass sie ihre Entscheidungen noch nie bereut haben. Darauf vertraue ich und gehe den Weg mit und für die Kirche!“, so Diakon Norbert Becker auf eine der ersten offenen, kritischen, aber auch interessierten Schülerfragen der Klasse 8c, d. Die Klasse hatte sich in den Stunden vor der Begegnung gemeinsam mit Johannes Heger auf diese Stunde vorbereitet: Gemeinsam wurde über die Situation der Kirche heute diskutiert und Hintergrundwissen über Struktur und Amt in der Kirche aufgebaut.

Bei einer anonymen Kleinumfrage wurde darüber hinaus ein kleines „Glaubens- und Kirchenprofil“ der Klasse entwickelt, wobei interessante Erkenntnisse gewonnen werden konnten. Während viele Schülerinnen und Schüler nichts mit der Kirche anfangen können, stehen viele dem Glauben an einen (christlichen) Gott offen oder zumindest unentschlossen entgegen.

Verteidigung des Zölibats

In der Diskussion wurde Becker mit den Auslösern der Kritik an der Kirche offen konfrontiert: Besonders der Zölibat stand im Fokus der Angriffe der Schüler. Obwohl Becker sich in jüngeren Jahren im Alter der Schülerinnen und Schüler auch einmal eine Freundin gewünscht hat, sieht er nun den tiefen Sinn des Zölibats und verteidigt es: „Mit meiner Entscheidung bekunde ich sozusagen, dass ich verliebt bin in Gott. Ich weiß nicht, ob ich beidem, meinem Gott und dem in seinem Namen stattfinden Dienst sowie einer Familie gerecht werden könnte“, so Becker. Und weiter: „Selbst wenn morgen der Zölibat abgeschafft würde, würde ich nicht losrennen und mir sofort eine Frau suchen.“

Glaube und Kirche

Ein anderer großer Baustein des Gespräches betraf den Zusammenhang zwischen Glaube und Kirche. „Stehen sie zu 100 Prozent hinter der Kirche? Finden sie alles gut?“, so die erst direkte Frage eines Schülers. Becker holte schmunzelnd Luft, um zu einer ehrlichen Antwort anzusetzen: „Im Großen und Ganzen bin ich zufrieden, sonst stünde ich nun nicht hier. Einzig, dass das, was die Kirchenleitung manchmal tut, nur spärlich mit dem zusammenhängt, was an der Basis geschieht, stört mich ein wenig.“ Auch stehe für ihn nicht die Kirche als Institution im Vordergrund. Becker versteht unter der Kirche eher „die Gemeinschaft aller Menschen, die an Gott glauben.“

Auch auf die süffisante Nachfrage Hegers, wie dann der Satz im Glaubensbekenntnis „ich glaube an die heilige katholische Kirche“ zu verstehen sei, konnte der erst 26-Jährige Geistliche eine kompetente und gute Antwort geben: „Katholisch heißt allumfassend. Damit ist auch weniger die Kirche in ihren Strukturen gemeint als die Zusammengehörigkeit aller Glaubenden.“

Meinung zu Missbrauchsfällen

Selbstverständlich zeigten sich die Schüler auch an Beckers Meinung über die Missbrauchsfälle interessiert: Dabei wuchs schnell der Konsens, dass man – gerade in der medial aufgeheizten Zeit – sauber differenzieren müsse zwischen Anschuldigungen wegen sexueller Verbrechen, die mit Schärfe zu ahnden seien, einerseits; aber auch Anschuldigungen wegen physischer Gewalt an Schulen und gegen Schüler, denen sich die ganze Gesellschaft der vergangenen Generationen stellen müsse, andererseits.

Ungeachtet der positiven Ergebnisse und des angeregten Gesprächs stellte diese Begegnung im Kleinen einen symbolischen Anfang dar. Becker traute sich stellvertretend für die Kirche einen Schritt zu tun, der nun – dringender denn je – immer konsequenter getan werden muss: Er suchte den offenen, selbstkritischen, aber auch für die Schülerinnen und Schüler herausfordernden Dialog.