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Schon seit über einem Vierteljahrhundert ist es am Jack-Steinberger-Gymnasium gute Tradition nach Walbryzch/Waldenburg zu fahren. Walbyrzch liegt ca. 65km südlich von Breslau und ist mit seinen 130000 Einwohner die zweitgrößte Stadt Niederschlesiens. Größere Bekanntheit erlangte die Stadt als in den Medien über den „Fund“ des geheimnisvollen Goldzuges in den riesigen, von KZ-Häftlingen errichteten, unterirdischen Tunnelanlagen berichtet wurde. Unser polnischer „Reiseleiter“ Leopold Stempowski, als Geologe und Bewohner des Schlosses Fürstenberg, ein ausgewiesener Kenner des Projekts Riese (Bau eines neuen Führerhauptquartiers als Ersatz für die weiter östlich gelegene Wolfsschanze und Errichtung kilometerlanger unterirdischer Werkshallen), verweist diese Geschichten über einen Goldzug jedoch ins Reich der Legenden.

Im Mittelpunkt unserer Reise nach Polen stand der Besuch bei ehemaligen KZ-Häftlingen und der damit stets verbundene Gedanke der Aus- und Versöhnung. Denn auch wenn diese schreckliche Zeit schon über 70 Jahre zurückliegt, leben noch immer viele, die unter der Nazi-Herrschaft Schreckliches erleiden mussten. Mit großer Freude und Herzlichkeit und ohne eine Spur des Hasses oder der Verbitterung wurden wir von den alten Menschen empfangen. Um die Verständigung zu gewährleisten, wurden wir von polnischen Mitarbeitern des Maximilian-Kolbe-Werks (Hilfsorganisation für die Überlebenden der Konzentrationslager) begleitet, die sich auch das ganze Jahr über ehrenamtlich um diese Menschen kümmern. Aber auch ein Teil unserer Schüler beherrscht die polnische Sprache recht gut und so konnten uns die Überlebenden der Nazi-Herrschaft ihre Lebensgeschichte erzählen und unsere Fragen beantworten. Hier zwei Beispiele:

Eine Frau erzählte uns, dass ihre Eltern in Galizien von Nazis erschossen wurden und sie nur deshalb überlebte, weil sie von ihren Eltern vor Ankunft der Soldaten nach Polen geschickt wurde. So kam es, dass sie im Alter von 3 Jahren von einer polnischen Familie adoptiert wurde. Materiell hat es ihr an nichts gefehlt, sagte die alte Dame, aber Liebe und Zuneigung kannte sie nicht.

Eine andere Frau berichtete uns, wie sie während des Warschauer Aufstands, wobei ihre ganze Familie getötet wurde, verhaftet und ins KZ Ravensbrück gebracht wurde.

Für die Besuche werden an unserer Schule Geschenkpakte vorbereitet, die neben nützlichen, den Alltag versüßenden und erleichternden Geschenken auch selbstgebackene Lebkuchenherzen (vielen Dank an Barbara Gusinde und Christel Gimmler), von Schülern der 5. Jahrgangsstufe gebastelte Kastanien-Schlüsselanhänger und ins Polnische übersetzte Briefe unserer Schüler enthalten. Vor allem diese persönlichen, selbstgemachten Geschenke sorgen bei den ehemaligen Häftlingen für große Freude.

Am Samstagabend fand eine offizielle Feierstunde mit ehemaligen Häftlingen, Vertretern der Stadt und Schülern und Lehrern des Lyzeums II statt. In ihrer Eröffnungsrede gedachte die 96jährige Vertrauensfrau des Maximilian-Kolbe-Werkes, Leokadia Slopiecka – selbst eine ehemalige Inhaftierte -, den Opfern des Nazi-Terrors und mahnte, dass so etwas nie wieder passieren darf und wies in diesem Zusammenhang auf die Wichtigkeit der Versöhnungsfahrten des JSG nach Polen hin. Besonders erfreulich war es, auf der Feier zu beobachten, dass die deutschen und polnischen Jugendlichen sehr schnell miteinander ins Gespräch kamen und auch Mailadressen etc. austauschten und so grenzübergreifende Kontakte geknüpft wurden.

Finanziert wurde die ganze Aktion, welche etwa 1700,- € kostete, komplett über private Spenden sowie einer Zuwendung des Bücher-Pavillions Bad Bocklet und des Rhön-Centers Burkardroth.

Neben den Besuchen bot uns das Maximilian-Kolbe-Werk mit seinem ehrenamtlichen Mitarbeiter Leopold Stempowski ein interessantes Rahmenprogramm. So wurde uns ermöglicht eine polnische Schule (Lyzeum II in Walbrzych) und dort sogar den Unterricht zu besuchen. Außerdem besichtigten wir einen Teil des riesigen, unterirdischen Tunnel- und Werkshallensystems (Projekt Riese), in welchem – vor alliierten Bombenangriffen geschützt – Panzer und andere kriegswichtige Güter hergestellt werden sollten. Der rasche Vormarsch der Sowjetarmee ließ diese Pläne jedoch nie Wirklichkeit werden. Außerdem fuhren wir nach Kreisau und besuchten am Originalschauplatz die Ausstellung über die Widerstandsgruppe Kreisauer Kreis. Am letzten Tag unserer Reise fuhren wir noch zu der in Deutschland wenig bekannten KZ-Gedenkstätte Groß-Rosen, wo über 40.000 Inhaftierte der perfiden Nazi-Devise „Tot durch Arbeit“ zum Opfer fielen.

So wurde uns noch einmal aufs Eindringlichste der Sinn und die Wichtigkeit unserer Fahrt nach Polen vor Augen geführt.